Der Standard



30.08.1994.

derStandard.gifWien - Eine Möglichkeit, den Krieg psychisch zu überleben, besteht darin, seine Arbeit so gut wie möglich weiterzuführen, die Vergangenheit in Erinnerung zu rufen und zu bewahren.

Der Genozid, die Auslöschung von Volksgruppen, ging sehr oft auch Hand in Hand mit der Zerstörung von deren jeweiligen Kulturgüter.

Im Architektur Zentrum Wien will nun die Vereinigung der Architekten aus Bosnien-Herzegowina mit der Ausstellung „Warchitecture" Urbicide - Sarajevo das große multikulturelle Erbe Sarajewos im Gedächtnis der Welt erhalten und nach Kriegsende wiederherstellen.

Die unter der Patronanz der UNESCO stehende Schau, erstmals vor einem Jahr in Sarajewo zu sehen und nun auf Ausstellungstournee durch Europa und die USA, dokumentiert die 100 bedeutendsten Bauwerke der Stadt, die in den letzten Jahren von Profifotografen aufgenommen wurden. Makabrerweise muß laufend aktualisiert werden: So stieg die Zahl der „Bomben für 300.000 Personen" auf mittlerweile 2,6 Mio.

Dossier für Spender

„Wir möchten jetzt schon konkrete Pläne für den Wiederaufbau machen. Nicht wie in Beirut, wo man internationale Gelder dann für ganz andere Projekte verwendete", erklärt Midhat Cesovic, einer der für die Ausstellung verantwortlichen fünf Architekten, die heuer im März mit einem UNO-Flugzeug die belagerte Heimatstadt verließen. Ein Dossier dokumentiert 45 Bauwerke sowie den Quadratmeterpreis für die Rekonstruktion. Potentielle Spender wissen deshalb immer ganz konkret, wo ihre Gelder hinfließen werden.

Neben Jerusalem ist Sarajewo die einzige Stadt, in der sich orthodoxe und katholische Kirchen sowie Moscheen und Synagogen innerhalb von nur 400 m2 befinden. Warchitecture zeigt Beispiele von der Osmanischen Epoche bis in die Gegenwart. Wien als Ausstellungsort ist für Cesovic besonders wichtig: „Es finden sich in Sarajewo viele Bauwerke aus der österreichischungarischen Monarchie, und auch die Stadtstuktur ist Wien sehr ähnlich."

Das Postgebäude war eines der ersten Bombenziele — damit die Kommunikation stockt. Warchitecture soll dem entgegenwirken. Stichwort: Architektur der Erinnerung. (dok)