Kurier



30.08.1994


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Foto1: Auch das 1974/78 errichtete Parlaments- und Regegierungsgebäude (Architekt: Juraj Neidhardt) der Republik Bosnien-Herzegowina wurde bereits durch mehrere Treffer schwer in Mitleidenschaft gezogen



Foto2: Erbaut 1896, zerstört 1994: Nationalbibliothek von Sarajewo










Architekturzentrum Wien: Wanderausstellung mit Dokumenten des Zerstörungswahns
Leopold Dungl

Sarajewo - eine Auslöschung: Jahrhunderte hindurch haben hier Bauhandwerker ihre Kunst wiederholt zu höchster Entfaltung gebracht. Jetzt sind die Handwerker des Krieges am Zug. Mit schwerem Artilleriegeschütz legen sie die Kultur-Metropole am Schnittpunkt zwischen West und Ost systematisch in Trümmer.
Sie arbeiten präzise und konsequent. Seit dem Frühjahr 1992 verging kein Tag, an dem nicht irgendwo das Geschoß einer serbischen Kanone die Stadt erschütterte. Bis zu 4000mal täglich. Weniger als 100 Einschläge waren es selbst in vergleichsweise friedlichen Zeiten nicht.

Unversehens sind da die Architekten Bosnien-Herzegowinas zu Buchhaltern des Krieges geworden: Sie registrieren und katalogisieren die unfaßbaren Zerstörungen, die den Bauwerken ausnahmslos aller hier gewachsenen Kulturen zugefügt werden. Sie vermessen, fotografieren und filmen jüdische Synagogen, serbisch-orthodoxe Kirchen, moslemische Moscheen, katholische Gotteshäuser und viele Gebäude mehr - alles Ausdrucksformen jener friedlichen Vielfalt, die das Klima Sarajewos prägte und bereicherte - und der jetzt ein so brutales Ende droht.

Seit Monaten wandert eine Ausstellung dieser Do kumente des Zerstörungswahns durch Europa. In zehn Städten hat sie schon Station gemacht. Nun ist Wien an der Reihe: „Warchitecture - Urbicid-Sarajevo, eine verwundete Stadt" ist bis 15. September im Architekturzentrum Wien (Messepalast, Burggasse 1) zu sehen.
Eine einfache, sparsam gestaltete Ausstellung - in der Hauptsache Schwarz-weiß-Fotos auf schwarzem Hintergrund, dazu knappe Text-Informationen.
Die Fotos zeigen nur Bauwerke und Bau-Teile. Geköpfte Minarette, ausgebrannte Dachstühle, aufgerissene Fassaden. Ruinen. Sonst nichts. Keine verzweifelten Alten, keine weinenden Kinder, keine Toten und Verwundeten. Ganz so, als wären die alle längst schon verschwunden aus den Gemäuern, als wären sie bereits irgendwo hier verscharrt oder bestenfalls geflohen.

300.000 Einwohner aber sind no\'.:h in diese:"\' Stadt. Eine StacU, die der ehemalige Bürgermeister von Belgrad, der Schriftsteller und Architekt Bogdan Bogdanoviæ, in seinem berührenden Buch „Architektur der Erinnerung" als lebendigen Beweis dafür bezeichnet, daß man auch jenseits ethnischer Grenzen gemeinsam leben, denken und fühlen kann. 
 Damit ist Sarajewo mehr als nur irgendeine Stadt. Sie ist ein Symbol für Offenheit, Toleranz und Vielfalt - ein Sinnbild für die Stadt schlechthin. Mit Sarajewo ist die Kultur der Stadt insgesamt in Gefahr.

Bombenteppich Sarajewo

Schon am Anfang stand eine Ruine: Sarajewo, Hauptstadt der Republik Bosnien, wurde einst auf den Trümmern einer im Jahr 1263 erbauten Festung errichtet. Die Stadt wurde 1415 erstmals urkundlich genannt, 1463 kam sie unter osmanische Herrschaft - und 1878 an Österreich-Ungarn.

Seit dem 1.12.1918 gehört Sarajewo zu Jugoslawien, seit dem April 1992 ist die Stadt Kriegsschauplatz. Im Stellungskrieg um die eingekesselte Hauptstadt fielen mehr als 2,6
Millionen Bomben auf die rund 300.000 Einwohner.
Unter den beschädigten, in Brand gesetzten oder völlig vernichteten Gebäuden befinden sich unter anderem 23 öffentliche Gebäude, 55 Schulen, 33 kulturelle Einrichtungen und 30 Gebäude von städtischen Krankenhäusern.
Zerstört wurden auch viele architektonische Schätze: etwa die im 16. Jahrhundert erbaute Weiße Moschee, die Maghrebinische Moschee oder der im 17. Jahrhundert errichtete Glockenturm „Sahat Kula".

Konzert für Sarajewo

1000 Telefone stehen schon bereit, die Kompositionen gibt\'s, Bürgermeister Zilk hat den persönlichen Ehrenschutz übernommen, und am 17. September kann das Ereignis in Wien über die Bühne gehen: das Telefonkonzert „Mreža/Netz".

Das Besondere dabei: Die Telefonleitungen etwa zwischen Belgrad und Sarajewo sind derzeit tot. Aber über eine Konferenzschaltung der Post wird in der Remise in Wien-Leopoldstadt eine Verbindung zwischen den Hauptstädten der ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken hergestellt. Künstler und Musiker aus Belgrad, Laibach, Pula, Sarajewo und Skopje kommunizieren dabei mittels der Schaltstelle Wien miteinander über die Grenzen hinweg.

Das Konzert ist über das Netz der 1000 Telefone auch live in der Remise mitzuerleben. Und über die Wiener Kurzwahl 15 10 kann es von überall mitgehört werden.
17.9., 18 bis 19 Uhr; Remise (Wien 2, Engertstraße/Walcher-straSe).